Referat, gehalten an der Weissen Loge *) vom 12.2.01 von Louis Ribaux
Liebe Schwestern, liebe Gäste!
Wir Brüder der FM-Loge "Humanitas in Libertrate" freuen uns,
Euch heute abend etwas vom dem zu zeigen, was hier geschieht,
was uns Freimaurer bewegt und warum wir uns hier wohlfühlen.
Weshalb Freimaurerei?
Schon am Anfang eines Menchenlebens, quasi zwischen Urangst und Urvertrauen,
steht die Sehnsucht, jenes merkwürdige, oft undefinierbare "Gefühl" nach "etwas anderem".
Die Sehnsucht nach Erfüllung begleitet uns durchs ganze Leben; sie will uns beunruhigen.
Sie macht uns darauf aufmerksam, dass es noch mehr gibt als nur den Alltag. Wir fühlen:
wir sind "Bürger zweier Welten". D.h. wir leben im Spannungsfeld von Innen und Aussen,
und wir stehen hier, im irdischen Leben, vor der Aufgabe, diesen Zustand zu bewältigen,
mehr noch: bewusst zu gestalten. Genau das will die Freimaurerei:
dass wir beiden Aspekten des Lebens gerecht werden; sie beauftragt ihre Mitglieder,
beide Welten sinnvoll zusammenzuführen. Eine lebenslängliche Arbeit!
Die Freimaurerei vesteht sich also als Brücke, die beide Seiten des Lebens verbindet;
sie bietet eine einzigartige Einheitswirklichkeit an. Dabei geht sie von der konkreten
Lebenswirklichkeit des Menschen aus.
Um auf diesen Doppelaspekt aufmerksam zu machen, zeigen wir Euch heute abend verschiedenes:
diesen Raum hier oben, den wir Tempel nennen; er wurde errichtet nach alten pythagoräischen Massen;
selbst die Gegenstände, die Ihr hier seht, sind nach diesen Gesetzen gebaut und platziert.
Sodann vermitteln wir Euch einen Einblick in unsere Rituale; alsdann feiern wir im Festsaal
gemeinsam ein rituelles Festmahl.
Die vier Aeste der Freimaurerei
Die Freimaurerei ist ein gewachsenes Gebilde. Ihre "Philosophie" und die ihr eigene
Brüderlichkeit haben sich parallel miteinander entwickelt. Doch wie sie erklären?
Am besten mit einem Bild: Stellen wir uns vor, die Freimaurerei sei ein Baum mit vier Hauptästen!
Wir nennen sie: Brüderlichkeit - die freimaurerische Idee - der rauhe Stein - Handeln im Gewühle des Lebens.
Eins ergibt sich aus dem andern ...
Brüderlichkeit. Nicht zufällig ist die FM in ihrer heutigen Ausprägung im
"geselligen Jahrhundert", im 18. Jahrhundert, enstanden. Damals gewann die Geselligkeit
und die Freundschaft zwischen Menschen einen hohen Stellenwert - und vor allem:
man traf sich mit Gleichgesinnten aus verschiedensten Gesellschaftsschichten
(das war neu; früher lebten der Adel, die Bürger, die Handwerker, die Zünftler,
die Leibeigenen in stark getrennten Lebensbereichen). Man lernte in der Epoche der
Aufklärung den Toleranzgedanken kennen, man fand gemeinsame Positionen und wollte Trennendes
hintansetzen; deshalb politisiert die Loge offiziell noch heute nicht! - Kurz: Man sollte
die Rolle der Geselligkeit in der FM-Loge nicht unterschätzen!
Aber für Brüderlichkeit, für eine Bruderschaft, genügt das nicht.
Es braucht dazu etwas Geistiges, etwas Verbindendes, ein gemeinsame Gelübde,
der Wille, zusammenzuhalten, soldarisch zu sein und vor allem: Verpflichtungen einzugehen.
Es braucht dazu den festen Willen jedes einzelnen Bruders, sich - jeder auf seine Weise - in
dieser Welt zu orientieren. Sich orientieren aber heisst, sich dem Licht der Erkenntnis zuzuwenden!
Bei der Aufnahme in die Loge legen wir ein Versprechen ab; wir werden also in die Pflicht genommen
- aber eigentlich nehmen wir uns selbst in die Pflicht, denn wir kommen als freie Männer und aus
eigenem Antrieb hieher. Schönste Manifestation der Brüderlichkeit ist wohl die Bruderkette;
so sind wir besonders stark (ein junger Bruder hat dies kürzlich sogar in einem physikalischen
Experiment nachgewiesen!).
Die Einheit der Bruderschaft wird zunächst durch einige äussere Formen, durch Bekleidung,
die Ordenszeichen usw. dokumentiert. Es gibt aber auch innere Aspekte:
So kommt der Verschwiegenheit besondere Bedeutung zu. Sie schützt die Freimaurerei vor
Missbrauch. Auch sollen sich Brüder in Sicherheit in der Loge aussprechen dürfen und keinen
Verrat gewärtigen müssen. Aber auch die Loge selbst schützt sich damit vor Machenschaften
Dritter, die unter dem Deckmantel der Freimaurerei Unlauteres zu tun gedenken
(siehe P/2 oder die "Sonnentempler"). Daher muss die Rechtmässigkeit der einzelnen Loge
durch die Grossloge und letztlich die Grossloge von England gewährleistet sein
(sog. Regularität). Dies alles macht die FM zu einer diskreten Gesellschaft - nicht aber
zu einer "geheimen"! Allerdings wird dies von der profanen Aussenwelt öfters missverstanden.
- Verschwiegenheit und Schweigen haben aber auch noch eine tiefere Bedeutung; sie sind
eigentlich göttlichen Ursprungs (es gibt in der griechischen Mythologie sogar eine Göttin
des Schweigens, die Göttin Sige) und stehen damit der gegenwärtigen Mode des "Chattens",
des "Alles-Zerschwatzens" (besonders geübt in den Medien) total entgegen.
Kurz: die FM sucht nicht das Dunkle, das Geheimnisumwitterte, das Obskurante,
auch nicht eine "Nabelschau", sondern das Licht und nur das Licht der Erkenntnis ...
Das freimaurerische "Geheimnis" wohnt in des Einzelnen Brust, nämlich in dem,
was er hier im Ritual persönlich erfährt.
Die schöpferische Idee der Freimaurerei.
Neben dem Bedürfnis nach Geselligkeit wohnt im Menschen seit jeher auch das Bedürfnis
nach Vertiefung und die Sehnsucht nach einer von Idealen geleiteten Gesellschaft.
Auch das bietet die FM, ist sie doch eine Vereinigung von Menschen, welche von ethischen
Grundsätzen geleitet wird - und die Ethik leitet sich wiederum von einer übergeordneten
schöpferischen Instanz ab. Wir nennen dieses Instanz "Allmächtiger Baumeister aller Welten"
(französisch: Grand Architecte de l'Univers).
Der Theologe Hans Küng bemüht sich bekannlich seit Jahren, für die Weltreligionen als
"kleinster gemeinsamer Nenner" eine weltumfassenden Ethik zu finden. Das leistet die
Freimaurerei im Grund schon lange; nur legt sie in ihrer Lebensauffassung das Schwergewicht
auf eine Vervollkommung schon im Diesseits (dies z. T. entgegen den Weltreligionen).
Natürlich sind Definitionen für die Freimaurerei formuliert worden, ich möchte hier nur
kurz darauf eingehen. Es gibt ein "freimaurerisches Lehrgebäude", also eine freimaurerische
Philosophie, jedoch keine Dogmen. Wir sind ein Männerbund, was vielleicht befremdet. Das ist
kein Missachten der Weiblichkeit. Aber wir Männer des frühen 21. Jahhunderts sind verunsichert.
Darum ist es gut, einen Ort zu haben, wo sich Männer unter sich treffen, um ihre Probleme aus
ihren Perspektiven zu besprechen und ihre Rituale zu erleben.
In unserem Tafelritual (= Ritual bei Tisch) wird u. a. folgende Frage gestellt: "Wie sollen
Freimaurer zusammenkommen, handeln und scheiden (d.h. in die profane Welt hinaus gehen)?
Die Antwort lautet: "Zusammenkommen in Harmonie, Handeln nach dem höchsten Gesetz, Scheiden
im richtigen Verhältnis". Beachten wir vor allem den mittleren Satz als Maxime: "Handeln nach
dem höchsten Gesetz"! Unter diesem "höchsten Gesetz" steht auch das Akzeptieren des ständigen
Wandels. "Alles fliesst". "Alles hat seine Zeit". Das Leben ist kurz! Der Ursprung des
Daseins ist Bewegung.
Vom Rauhen Stein oder der Arbeit des Freimaurers an sich selbst.
Jeder Mensch, so sieht es die Freimaurerei, gleicht einem unbehauenen, eine "rauhen" Stein.
(Kein Stein ist gleich wie die andern). In diesem Bild steckt vieles: Einmal der Glaube
bezw. die Zuversicht, dass in jedem Menschen ein "guter Kern" versteckt ist, den es zu
finden gilt. Zum andern, dass dieser gute Kern, der einem behauenen Stein gleicht, die
eigentliche Zielvorgabe ist. Wir sagen es so: Der behauene Stein (der du selbst bist!)
soll einfügbar sein in den Tempel der Humanität, an dem die Menschheit unentwegt weiterbaut.
Jeder Freimaurer muss also an sich selbst "arbeiten"; er soll zu seinem Körper Sorge tragen,
er soll den Pessimismus bekämpfen und sich auch geistig weiterentwickeln, auch wenn er weiss,
dass das Ziel nie vollkommen erreichbar sein wird. Als Wegleitung dient ihm die "maurerische
Pflichtenlehre". Gesucht ist eine "Balance im Leben" (ein Equilibre, welches Ratio, Gefühle,
Glaube, tiefere Erkenntnisse vereint) und ein eigener Standort in dieser Welt. Wie der Einzelne
seine Beziehung zum göttlichen Prinzip gestaltet, ist sein persönlicher Entscheid. D.h. die
Religion des Individuums ist nicht die Religion der Freimaurerei; diese fixiert sich, wie
schon gesagt, an keinem Dogmen. Aber sie achtet den Standpunkt eines jeden Bruders.
Handeln im "Gewühl des Lebens". Der Freimaurer hat also seinen Pflichten im Tempel und
während allen "freimaurerischen Arbeiten" nachzukommen. Aber die Freimaurerei ist keine
"l'art pour l'art"- Uebung. D.h. Pflichten sollen auch in den Alltag hinübergenommen werden,
im profanen Leben Antwendung finden! Wie wir wirken, ist niemals indifferent. Es kommt immer
wieder auf den Einzelnen an! Wir wirken im Nahbereich, in der Familie und in der Nachbarschaft,
wir wirken in der Gesellschaft, z.B. durch Mitarbeit in der Oeffentlichkeit ("Freiwilligenarbeit"
ist wieder gefragt). Auch sind wir beauftragt, Erfahrungen und Wissen, das wir in der
Logenarbeit gewonnen haben, weiterzuvermitteln (ohne die Verschwiegenheit zu verraten).
Freimaurerische Haltung fliesse auch in das Berufsleben ein. Der Name unserer Loge
"Humanitas in Libertate" sagt es: "Menschlichkeit in Freiheit" ist das Gebot einer
umfassenden Vernunft. Sie basiert auf Glaube, Hoffnung und Liebe. Die Freimaurerei
verpflichtet uns insbesondere zur Hoffnung, dass diese Wurzeln niemals verschüttet werden,
komme, was da wolle.
Es ist nicht leicht, Freimaurer zu werden!
Die Entscheidung, unserem Orden beizutreten, fällt -richtigerweise! - niemandem leicht,
sollte es doch ein definitiver Schritt für den Rest des Lebens sein. Mit der Aufnahme in
eine Freimaurerloge erreichen wir einen Point of no return. Vielerlei Bedenken melden sich:
Man hat einen anspruchsvollen Beruf (wie wir nota bene alle haben oder hatten, seit wir
hier eintraten); man hat eigentlich keine Zeit; man hat Bedenken, ob die
"freimaurerische Philosophie" auch wertvoll genug sei; man befürchtet Obskurantes
und hört auf Mutmassungen Dritter (die niemals belegt sind); man fragt sich, ob man
mit einem Beitritt nicht in Gefühlsduselei abstürze; und vielleicht hat man den Verdacht,
in einen "Männerbund" vergangener Zeiten zu geraten, von den man nicht mehr loskomme;
unheimlich ist das Gefühl, etwas nicht im voraus erproben zu können (es gibt keine
freimaurerische "Schnupperlehre", denn die Aufnahme ist eine Initiation, und man
weiss nicht, was auf uns zukommt, wie die zukünftigen Brüder sein werden, was sie
von uns verlangen, welche Hierarchien und Gesetze man anerkennn muss); schwerwiegend
sind schliesslich die Bedenken der Lebenspartnerinnen und der Familien...
Wie sollen wir antworten? Gewisse Bedenken können widerlegt werden. Man kann unbehelligt
aus einer Loge austreten. Einiges können wir versprechen: Es geschieht hier nichts
Unlauteres, nichts, was sich gegen die persönliche Ehre des Einzelnen richtet. Und
wir können auch sagen: die Zeit, die wir in der Loge verbringen, ist gewonnene Zeit,
nämlich echte Lebenszeit, ist doch die Loge ein konzentriertes Abbild der ganzen Welt.
Sie bietet Einsichten, die uns befreien und geistig weiterbringen. Denn wir sind suchende
Menschen - immer, auch wenn es uns nicht ständig bewusst ist. Hier wird ein Weg
angeboten, der nicht in fundamentalistische, dogmatische Zwänge führt. Die Loge ist eine
Insel, auf der wir uns erholen, wo wir neue Kräfte gewinnen. Und wo Gespräche geführt
werden können, Gespräche, die sich nicht im üblichen belanglosen Alltags-Schrott bewegen,
wo nicht immer nur vom Geld und von einer alles dominierenden Wirtschaft die Rede ist.
Ja, das ist ganz wichtig: dass man hier einen anderen Standort finden kann. - Aber keine
Angst: Die Freimaurerei ist kein Elfenbeinturm; sie will, dass wir hinausgehen und uns
"im Gewühle des Lebens" bewähren. Und sie schenkt uns dafür ein bisschen mehr Lebenskraft
und ein bisschen mehr Klarheit.
Die Freimaurerei ist nicht alles, kann nicht alles sein. Sie ist eine sehr menschliche
Einrichtung. Aber zuweilen fragt man sich doch: was für ein Mensch wäre ich eigentlich
ohne meine Loge? Gewiss ein noch unvollkommener!
Erläuterungen
Weisse Loge: Rituelle Arbeit, an welcher auch Nichtfreimaurer teilnehmen dürfen.
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