Bauriss, gehalten am 25. Mai 1998, in der Loge Humanitas in Libertate im Orient St. Gallen von
Hanspeter Danuser
Operative oder spekulative Freimaurerei ?
Ehrwürdiger Meister vom Stuhl, würdige und geliebte Brüder alle!
Zuerst eine Vorbemerkung:
Der Titel, mit dem mein heutiger Bauriss im Arbeitsprogramm angekündigt worden ist, stammt nicht von mir,
sondern von unserem Meister vom Stuhl. Nachdem ich ihm im letzten Herbst ein erst vage angedachtes
Projekt angedeutet hatte, nahm er es kurzerhand in seine Programmplanung auf und kreierte auch gleich
noch einen Titel.
Damit hat er mir gewisermassen die Pointe gestohlen. Zwar werde ich mich im Verlauf meiner Ausführungen
mit dem angekündigten Thema befassen, aber der Weg, auf dem ich mich dieser Frage nähere, ist mir
wichtiger als das Ziel und er wird auch wesentlich anders sein, als viele von Euch vielleicht erwarten.
Ich will nämlich nicht einfach nur theoretische Überlegungen anstellen und aus Büchern Zusammengetragenes
vermitteln. Ich will vielmehr ganz persönlich werden und mein mauerisches Leben aus einem bestimmten
Blickwinkel betrachten.
Ich bin 1940 in Winterthur geboren worden und habe in den frühen Kinderjahren im bürgerlichen
Lindquartier an der Schwalmenackerstrasse Nr. 12 gewohnt. Kenner der Winterthurer Freimauererszene
werden beim Namen Schwalmenackerstrasse aufgehorcht haben, denn an der gleichen Strasse und ganz
in der Nähe liegt das Logengebäude der Akazia. Damals, also vor über fünfzig Jahren, wohnte im Parterre
dieses Hauses ein Arbeitskollege meines Vaters; beide arbeiteten als uniformierte Beamte bei der Post.
Ich hatte damals den Eindruck, dass dieser Kollege eine Art nebenamtlicher Abwart war. Ob er in Tat und
Wahrheit auch Logenwart und Mitglied der Akazia war, habe ich nie herausgefunden. Meine Eltern und ich waren
ein paar Mal bei diesem Ehepaar eingeladen und ich bekam einiges mit, was dabei ehrfürchtig über die
Freimauerei gesprochen wurde, ohne es freilich zu verstehen. Einmal, ich erinnere mich noch gut,
haben meine Mutter und ich in den frühen Abendstunden beobachtet, wie vor dem Logenhaus Limousinen vorfuhren,
denen schwarz gekleidete Herren entstiegen, die sich alsbald in das geheimisvolle Haus begaben..
Meine frühe Begegnung mit der Freimaurerei war damit noch nicht zu Ende. In der Nachkriegszeit herrschte
in Winterthur - und vermutlich auch anderswo - eine grosse Wohnungsnot, der private Wohnungsbau war
zwischen 1939 und 1945 praktisch zum Erliegen gekommen. Viele Leute mussten in Notwohnungen untergebracht
werden. So wurde auch unser Kindergarten requiriert; als Ersatz stellten die Freimaurer ihr Logengebäude
zur Verfügung. Und so kam es, dass wir während einigen Monaten im Konferenzsaal der Akazia spielten und
bastelten. Das ganze Interieur beeindruckte mich, das Arbeiterkind, durch seinen Stil und seine Grosszügigkeit
Später vergass ich die Freimaurer gründlich. Über ein Jahrzehnt später begegneten sie mir wieder:
In der Mittelschule lasen wir im Deutschunterricht Lessings "Nathan der Weise". Unser Deutschlehrer
war zwar nicht Freimauerer, aber ein hoher Würdenträger des Odd Fellow-Ordens - das fand ich allerdings
erst später heraus - und es beeindruckte mich sehr, was er über die Freimaurer zu berichten wusste.
Allerdings färbten die frühkindlichen Erfahrungen fast unbewusst meine Haltung: Vornehm und geheimnisvoll
und nichts für gewöhnliche Leute.
Nach der Matura studierte ich Geschichte und deutsche Literatur an der Uni Zürich. Und wieder begegnete
ich den Freimaurern. In beiden von mir belegten Disziplinen. Den Lehrstuhl für deutsche Literaturgeschichte
hatte damals Emil Staiger inne, in jener Zeit weltberühmt, ein professoraler Star, dessen Vorlesungen aus
der prallvollen Aula ins ebenfalls überfüllte Auditorium Maximum übertragen werden mussten. Später fiel er
dann in Ungnade, weil er es 1966 anlässlich der Verleihung des Zürcher Literaturpreises in seiner Dankesrede
gewagt hatte, die zeitgenössische Literatur als unanständig anzuprangern. Emil Staiger verstand es
ausgezeichnet, die Toleranzidee der Aufklärung herauszuschälen, Verbindungen zu den Freimaurergesprächen
Lessings und zu den Freimauerern Goethe und Mozart herzustellen. Es war das erste Mal, dass ich realisierte,
dass so berühmte Leute Freimauerer gewesen waren.
Das gleiche wiederholte sich beim Studium der neueren Geschichte: Die Freimaurerei trat mir plötzlich
als gestaltende Macht gegenüber, Persönlichkeiten von Washington bis Briand und Stresemann standen
für den Bund der Humanität und der Toleranz. Zu vertieften Kenntnissen über die freimaurerische Lehre
gelangte ich freilich nicht. Der Begriff "Freimaurerei" blieb letztlich ein Cliché, immer noch geprägt
von den frühkindlichen Eindrücken.
Was ich damals nicht merkte: Auch in meiner Dissertation näherte ich mich unbewusst der Freimauererei:
Ich beschäftigte mich nämlich mit der Königsmagie des Mittelalters und den damit verbundenen Symbolen
und Ritualen. Dass es eine Welt hinter den Zeichen gibt, wurde mir damals zum ersten Mal einsichtig.
Nach dem Studium ging ich zum Fernsehen. Eine Welt, die so richtig geeignet war, die Freimaurerei
erneut und gründlich zu vergessen. Trotzdem sollte es ausgerechnet das Fernsehen sein, dass mir
Zugang zur Freimaurerei verschaffte. 1971 leitete ich das damalige Vorabendmagazin "Antenne".
Eines Tages kam eine Anfrage der Zürcher Loge Modestia cum Libertate, die damals 200 Jahre alt wurde.
Ich stellte das Thema in der Redaktionskonferenz zur Diskussion und unter dem Aspekt "Geheimnis"
waren natürlich alle dafür. Es stellte sich überdies heraus, dass der Schwiegervater eines Reporters
Stuhlmeister der Berner Loge "zur Hoffnung" war. Dieser Reporter realisierte denn auch den Filmbeitrag,
in dem übrigens auch der später allzu früh verstorbene Zwillingsbruder unseres Bruders Erich Hochreutener
auftrat. Darüber hinaus stellte dieser Reporter auf meinen Wunsch über seinen Schwiegervater den Kontakt
zum Stuhlmeister der Modestia her. Und so kam es, dass ich 9 Monate später, am Sommerjohanni 1972, in die
älteste Zürcher Loge aufgenommen wurde.
Diese Aufnahme war für mich in einem doppelten Sinne überwältigend. Einmal schien sie die freimaurerische
Toleranz eindrücklich zu manifestieren: Das Fernsehen war just in jener Zeit in die Schusslinie der SVP
geraten, die unter Führung des Berner Geschichtsprofessors Walther Hofer ein zweihundert Seiten starkes
Sündenregister aufgelistet hatte, und unter anderem auch mir neolinke, wenn nicht kryptokommunistische
Wühlarbeit vorwarf. Das war zwar in meinem Fall ziemlicher Unsinn, Freunde nannten mich schon damals
neckisch einen Liberalen, der gleichzeitig ein Wertkonservativer sei. Mein Vergehen war einfach, dass
ich kritischen Journalismus jenseits jeder Parteilichkeit förderte - und das genügte in jener Zeit des
paranoiden kalten Krieges, um mich als linken Drahtzieher zu diffamieren. Das hinderte aber die Zürcher
Freimaurer nicht, mich aufzunehmen.
Die besonderen Umstände meiner Aufnahme sind wichtig, denn sie haben meine Einstellung zur Freimaurerei
bis auf den heutigen Tag geprägt: Die Toleranz, die man mir gegegenüber praktizierte, nahm ich zum Nennwert.
Ich war fasziniert von der Idee, dass die Freimaurerei "die Religion sei, in der alle Menschen übereinstimmen",
ich begeisterte mich für die Möglichkeit, dass hier die Gegensätze auf einer höheren Ebene überwunden und
aufgelöst werden könnten. Folgerichtig antwortete ich auf die unerwartete rituelle Frage des Meisters vom
Stuhl "Was suchen Sie hier?" spontan: "Ich suche Freunde und einen Ort, wo das Gespräch immer möglich ist."
Ich fühlte mich gleichsam in die Aufklärung mit ihrem mitreissenden Schwung zurückversetzt und dem grossen
Lessing nahe, der in seinen Freimaurergesprächen ja ausdrücklich "permanente Aufklärung" verlangt hatte.
Beeindruckt hat mich aber auch das Lehrlingsritual, vor allem der offensichtliche Gegensatz zur Kopflastigkeit
der Aufklärung. Die Dualität von sprachlicher Analytik und bildhafter Symbolik oder von Kopf und Bauch
faszinierte mich und das ist bis heute so geblieben.
Der grosse Nachteil einer Aufnahme am Sommerjohanni ist zweifellos, dass der neu Aufgenommene nachher
gewissermassen in das "maurerische Loch der Sommerpause" fällt. Jedenfalls habe ich das damals so empfunden.
Doch die empfangenen Eindrücke waren stark genug, um bis in den Herbst hinein nicht zu verblassen, und so
ging ich denn an einem Samstagabend im Oktober - die Modestia arbeitete damals noch am Samstagabend (!) -
auf den Lindenhof. Was mich dort erwartete, versetzte meiner gehobenen Stimmung einen schweren Dämpfer.
Denn der Meister vom Stuhl referierte über eine Stunde lang über Regularitätsangelegenheiten. Das Problem
war offenbar, dass welsche Logen enge Kontakte zu französischen Logen unterhielten - und die waren nach
Ansicht der englischen Grossloge nicht regulär, unter anderem offenbar, weil auf ihrem Altar ein Buch mit
leeren Seiten liege oder was auch immer. Und nun gab es zwischen der Schweizerischen Grossloge Alpina und
der englischen Grossloge Verstimmungen, ja ernste Spannungen und der Meister vom Stuhl berichtete ausführlich
über die umfangreichen Bemühungen, diese Spannungen aufzuheben ohne gleichzeitg innerhalb der Schweizer
Freimaurer ein Zerwürfnis hervorzuzurufen. Ich hörte ungläubig und fassungslos zu. Von Toleranz keine Spur,
im Gegenteil, engstirnige Rechthaberei und Vereinsmeierei, mit Ausschlussdrohungen und Vermittlungsversuchen.
Ich ging damals sehr enttäuscht und verwirrt nach Hause. Natürlich hatte ich nicht erwartet, dass die
Hochstimmung des Aufnahmerituals nun bei jeder Arbeit wieder spürbar sein werde. Aber diesen Absturz
in kleinkarrierte Vereinsmeierei ging mir denn doch entschieden zu weit. Aber es sollte noch schlimmer
kommen. Zunächst sah es allerdings wie ein Highlight aus, was das im Arbeitkalender angekündigt wurde:
Ein auf Tonband aufgenommener Vortrag des 1973 ermordeten chilenischen Präsidenten Salvador Allende.
Diese Ankündigung allein genügte für allerlei Proteste. Doch der Bruder, der diesen Anlass verantwortete,
konnte nicht einfach verdächtigt werden, hatte er doch viele Jahre als Direktor einer Schmidheiny-Firma
in Chile gearbeitet. Und so fand der Abend denn statt. Was viele nicht gewusst hatten: Der angebliche
Kommunist Allende war Freimaurer, mehr noch, er war eine paar Jahre lang Grossmeister der Grossloge von
Chile gewesen. An einer Konferenz der Grossmeister Südamerikas in Carracas hatte er einen Bauriss zum
Thema "Freimaurerei und Sozialismus" gehalten und eben dieser wurde nun partiell ab Tonband vorgespielt
und übersetzt. Viele Brüder waren überhaupt nicht in der Lage, auf die Ausführungen Allendes einzugehen -
wobei zu sagen ist, dass dieser kein Kommunist war, sondern nach schweizerischen Massstäben so etwas wie
ein Sozialdemokrat mit bürgerlichem Hintergrund. Dass er als Arzt und Freimaurer für soziale Reformen
eintrat, leuchtete angesichts der Zustände in Südamerika ein. Aber die Diskussion an jenem Abend ging
überhaupt auf die eigentliche Problematik ein, sondern drehte sich vorwiegend um die Frage, ob "so einer"
wie Allende denn überhaupt Freimaurer sein könne. Worauf ein Bruder immerhin einwarf, die Modestia habe
hundert Jahre früher ja auch den Sozialisten und späteren Zürcher Regierungsrat Johann Jakob Treichler
zu ihrem Stuhlmeister gemacht.
Zwei Beispielen sollen nun stellvertretend für meine weiteren Erfahrungen stehen.
1976 hiess das Studienthema der Grossloge Alpina: "Freimaurerisches Denken, freimaurerisches Handeln,
heute nötiger denn je." Die Modestia setzte ein Diskussion an, an der ich teil nahm. Hier auszugsweise
der Wortlaut meines damaligen Diskussionsbeitrages:
"Ich muss offen gestehen, dass ich leicht verstimmt, um nicht zu sagen verärgert war, als ich das
diesjährige Studienthema gelesen hatte. Was soll denn das?, war meine erste, ich gebe es zu, recht
unwirsche Reaktion. Gewiss - dieses unser heutiges Gespräch ist nicht der Ort, um einmal verspürten
Ärger zu reproduzieren. Aber lasst mich, als Beitrag zum heutigen Abend, trotzdem versuchen, meine
damaligen Gefühle zu konkretiseren und zu differenzieren.
Ärgernis Nummer eins:
Im Thema wird implizit auch die Frage gestellt, was denn freimaurerisches Denken und Handeln überhaupt sei.
Mit anderen Worten: Es wird einmal mehr die Diskussion um unser maurerisches Selbstverständnis provoziert.
Und das ist nun etwas, ich gestehe es offen, was mich an unserem Bunde immer etwas verwirrt hat. Sicher,
die freimaurerische Lehre in ihrer Einzigartigkeit lässt der Interpretation einen weiten Spielraum. Aber
trotzdem: Müssen wir uns eigentlich immer wieder von neuem selbst überzeugen? Können wir nicht endlich
jene minimale, aber entscheidende Übereinstimmung, die uns im Tempel so selbstverständlich verbindet,
als gesichert betrachten? Ich meine ja, und so betrachtet gibt es auf die in unserem Studienthema
enthaltene Frage nur eine Antwort: ein lapidares Ja.
Ärgernis Nummer 2:
Ich erinnere an das Sprichwort. "Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es." Ich weiss: Die Frage, wie
weit wir vor diesem Spruch zu bestehen vermögen, ist ebenso vermessen wie aggressiv. Lasst mich deshalb
zwei Feststellungen vorwegnehmen und damit meine Kritik einengen: Was unser Bund an Wohltätigkeit leistet,
ist unbestritten und sicher hoch einzuschätzen. Ich zweifle auch nicht daran, dass sich jeder von uns
redlich bemüht, an seinem Platz ein wahrer Maurer zu sein. Aber: Besteht nicht die Gefahr, dass unser
Bund als Ganzes sich immer mehr auf zwar wohltönende, aber letztlich nutzlose, weil wirkungslose verbale
Bekenntnisse beschränkt. Das diesjährige Studienthema scheint mir exemplarisch zu sein: Dass mauererisches
Denken und Handeln gerade heute sehr nötig wäre, scheint uns allen unbestritten. Wahrscheinlich erwartet
die Grossloge von uns auch Vorschläge für die Praxis. Sie werden von allen Bauhütten mit Sicherheit auch
eingereicht werden. Und mit einem zusammenfassenden Bericht des Grossredners in der "Alpina" dürfte dies
Sache dann gelaufen sein. Ich gebe offen zu, dass mir das in keiner Weise genügt. Wenn freimauerisches
Denken und Handeln wichtig sind, dann dürfen wir nicht nur gescheit darüber reden, sondern wir müssen
etwas unternehmen, damit das, was wir zu vertreten haben, auch zum Tragen kommt.
Unsere Zeitschrift "Alpina" ist ein Spiegelbild der Verhältnisse: In ihr beschäftigt sich die Freimaurerei
fast ausschliesslich mit sich selbst. Das dem nicht unbedingt so sei muss, beweist zum Beispiel der von
uns als irregulär betrachtete Grand Orient de France. Auch er besitzt eine Zeitschrift - aber er hat sie
zu einem äusserst interessanten und weit über die Loge hinaus gelesenen Forum für die Diskussion von
Gegenwartsfragen gemacht. (Geschrieben 1976!)
Ich trage als Freimauerer gewissermassen zwei Seelen in meiner Brust. Ich bin stockkonservativ,
was unser Erlebnis im Tempel betrifft. Das soll, als unser Kostbarstes und Zentralstes weder verändert
noch nach aussen getragen werden. Es soll immer so bleiben - aber es soll genügen. Deshalb bin ich
progressiv, was den Bereich ausserhalb des Tempels betrifft. Hier bin ich für einen Abbau der Beschäftigung
mit uns selber und für eine verstärkte Ausdehnung unserer Arbeit auf Themen und Probleme, die diese unsere
Welt bewegen und der wir, so glaube ich fest, durchaus etwas zu sagen und zu geben haben."
So weit also meine Ausführungen vor 22 Jahren. Bewirkt haben sie nichts, ausser dass sie meinen
logeninternen Ruf als Querdenker weiter gefestigt haben.
Etwa ab 1980 begann ich, den Logenarbeiten fernzubleiben. Die Zerstreuung dauerte über ein Jahrzehnt.
Am 23. Februar 1992 erklärte ich dem damaligen Meister vom Stuhl der Modestia cum Libertate in einem
Brief meine Deckung. Ich zitiere wiederum auszugsweise den Wortlaut:
"Ich möchte vorausschicken, dass es mir nicht um billige Vorwürfe geht. Ich bin durchaus bereit,
die Schuld, wenn es denn eine gibt, überwiegend bei mir zu sehen. Doch meine ich, dass jetzt Ehrlichkeit
angesagt ist, und da komme ich um einige kritische Anmerkungen und Erinnerungen nicht herum.
Doch lass mich mit dem Positiven beginnen.
Ich werde den Tag meiner Aufnahme nie vergessen. Das Gefühl, dass sich so viele Menschen eigens wegen
mir zusammengefunden hatten und mich vorbehaltlos aufnahmen, war überwältigend. Die Aufforderung
zur Selbsterkenntnis stand am Anfang eine Entwicklung, die schliesslich zu einer mehrjährigen
Psychoanalyse führte. Ich habe der Freimauerei also einiges zu verdanken. Diese Erinnerungen und
diese Dankbarkeit waren es denn auch, die mich lange daran gehindert haben, mich wieder von der
Freimaurerei zu lösen.
Doch nun zu dem, was mich ihr allmählich entfremdet hat.
Ich habe in den siebziger Jahren mehrere Baurisse gehalten. Stets war das Erlebnis das gleiche:
Ob Fernsehen, ob Entwicklungshilfe oder sonst ein brisantes Thema - eine eigentliche Diskussion,
ein wirkliches Austauschen unterschiedlicher Standpunkte unterblieb. Irgend jemand stand auf und sagte,
wie gut ihm das gefallen habe und wie vorzüglich ich das gemacht hätte und was für ein Lieber ich sei.
Und dann wurde eine mauerische Batterie auf mich ausgebracht und die Sache war gelaufen. Irgend jemand
hat einmal gesagt, Freimaurer würden sich unaufhörlich die Hände schütteln und sich gegenseitig versichern,
wie gut sie einander fänden. Das ist wohl das Schlimmste, was man über die Freimaurer sagen kann, aber
Stück weit stimmt es - leider.
Als Historiker bin ich widerstrebend zur Vermutung gelangt, dass die Freimauerei als geistige Bewegung
ihre Aufgabe mit der französischen Revolution erfüllt haben könnte. Nachher ist sie zu einem
"Traditionsverein zur Pflege des freimauererischen Brauchtum" geworden um nicht zu sagen verkommen.
Dass sie sich bis heute erhalten konnte, hat seinen tieferen Grund vermutlich darin, dass sie als
gutbürgerliche Vereinigung den später entstandenen Service-Clubs viel näher steht, als sie sich das
eingestehen will."
Nun, Marco Badilatti, der damalige Meister vom Stuhl der Modestia cum Libertate, bat mich in einem Brief,
meinen Entschluss bis zu einer Unterredung unter vier Augen aufzuschieben. Nach dieser Unterredung nahm
ich mir noch einmal eine Bedenkzeit bis Ende 1992. In dieser Zeit kam eines Tages mein Nachbar
auf mich zu. Er hatte über den Zirkel Säntis, den ich ein paar Mal besucht hatte, herausgefunden,
dass ich Freimaurer war und gab sich nun selbst als solcher zu erkennen. Und damit nahm eine Entwicklung
ihren Lauf, die schliesslich dazu geführt hat, dass ich heute der Humantias in Libertate angehöre.
Mein seinerzeit im Deckungsschreiben an die Modestia cum Libertate geäusserter Vorwurf, die Freimaurerei
stehe den Service-Clubs näher, als sie sich das eingestehen wolle, war nicht nur hart, er hatte auch
Hintergründe.
Zum einen hatte das mit meiner Herkunft zu tun. Ich bin, wenn man so sagen will, in proletarischen
Verhältnissen aufgewachsen. Ich habe das damals nicht als Defizit empfunden. Es war so, wie es war
und das ganze Milieu um mich herum war nicht anders. "Ihr da oben, wir da unten" - das nahmen wir
als gegeben. Auf dem Weg ins Gymnasium ging ich jeden Tag am Areal des Tennisclubs Winterthur vorbei.
Einige meiner Klassenkameraden spielten dort - ihre Väter waren Ärzte, Rechtsanwälte und Unternehmer.
Ich beneidete sie nicht, sie gehörten einfach einer anderen Welt an. Und zu dieser Welt gehörten für
mich auch die Service-Clubs.
Nun stellte sich allerdings schon 1972 die selbstkritische Frage, ob ich aus meiner proletarischen
Frühprägung heraus nicht auch bei den Freimauerern in erster Linie die soziale Promotion gesucht hatte.
So weit ich damals zur Selbstanalyse fähig war, lautete die Antwort nein. Die Freimaurerei, als "Religion,
in der alle Menschen übereinstimmen", war für mich gewissermassen die Überwindung und Aufhebung der Gegensätze.
Später musste ich mir allerdings eingestehen, dass die Freimauerei durchaus selektioniert: Denn ein Blick
in das Mitgliederverzeichnis der Modestia, sie führt bis auf den heutigen Tag Titel und Beruf auf, machte
es überdeutlich: Es kann nicht einfach jeder Freimauer werden - einen Arbeiter vermochte ich jedenfalls
nirgends auszumachen. Aber die Frage war und ist natürlich, ob ein Arbeiter überhaupt das Bedürfnis hat,
Freimauer zu weden. So etwa argumentierte ich damals jedenfalls, um mich selbst zu überzeugen und mich
vom Vorwurf zu entlasten, mich mit dem Eintritt in die Loge gewissermassen sozial emporzuhangeln.
Es gab damals in der Modestia cum Libertate Brüder, die es fertigbrachten, gleichzeitig Freimaurer
inklusive Hochgradzugehörigkeit, Rotarierer oder Lions-Mitglied und Zünfter zu sein. Darauf angesprochen
äusserten sie sich durchwegs gleich: Ein Service-Club oder eine Zunft lasse sich bezüglich Gehalt auch
nicht im Entferntesten mit der Freimaurerei vergleichen. Dort gehe es, im Gegensatz zur Freimaurerei,
vor allem um gesellschaftliche und / oder um geschäftliche Beziehungen.
Als ich 1992 in meinem Deckungsschreiben an den Stuhlmeister der Modestia cum Libertate feststellte,
die Freimaurer stünden innerlich den Service-Clubs näher, als sie sich das eingestehen wollten,
meinte ich das durchaus abfällig. Ich wollte der Freimauerei eins auswischen, sie gewissermassen
zurückstufen.
Zu den wichtigen Erfahrungen, die ich im Laufe meines Lebens machen durfte, gehört, dass alles,
was man denkt, tut oder sagt, eines Tages auf einen zurückkommt. Auch mein Versuch, die Freimaurerei
in die Nähe der Service-Clubs zu rücken und sie damit zu desavouieren, schlug zu gegebener Zeit auf
mich zurück. Im Frühsommer 1992, ich hatte einige Monate zuvor mein Deckungsschreiben geschrieben
und meinen Entschluss dann bis Ende Jahr zurückgestellt, rief mich der Gemeindammann von Mogelsberg,
der in der St. Galler Politik nicht ganz unbekannte Hans Bütikofer an und fragte mich, ob ich Interesse
hätte, in den in Gründung befindlichen Rotary-Club Neckertal einzutreten.
Ich war sehr perplex und sage das auch und dann bat ich um Bedenkzeit, die mir eingeräumt wurde.
Spontan neigte ich dazu, abzulehnen. Ich hatte nicht die geringste Lust. Und dann war ich gewissermassen
auch ein Gefangener meiner Vergangenheit und der Verachtung, mit der ich als Freimaurer den Serviceclubs
begegnet war. Aber je länger ich darüber nachdachte und auch im Gespräch mit guten Freunden wurde mir klar,
dass die Sache nicht so einfach war.
Um das verständlich zu machen, muss ich einen kurzen Exkurs einschieben. Ich war 1978 nach Hemberg gezogen.
Dieser Umzug aufs Land war eigentlich eine Heimkehr: Meine Mutter war in Hemberg aufgewachsen, ihre Familie
betrieb dort über drei Generationen eine Fuhrhalterei. Ich selbst wuchs in Winterthur auf, verbrachte aber
schon als Kleinkind während des Zweiten Weltkrieges viele Monate im Togenburg und später sämtliche
Schulferien bis in die Mittelschulzeit hinein. Das Neckertal wurde zu meiner Heimat, die ich dann als
17jähriger plötzlich verlor, als die heruntergekommene Fuhrhalterei meines kinderlosen Onkels aus
gesundheitlichen und finanziellen Gründen verkauft werden musste. Für mich war das ein traumatischer
Verlust, der mich ein Stück Urvertrauen kostete. Ich hatte viele Jahre Heimweh, das ich mir nur halbwegs
eingestand. 1975 wurde ich geschieden. Drei Jahre später verkaufte ich meinen Anteil an der Filmproduktion,
die ich mit zwei Partnern aufgebaut hatte, machte mich als Drehbuchautor selbständig und zog nach Hemberg.
Es gelang mir sogar, noch einmal im Hause meiner Vorfahren zu wohnen. Wer etwas von Psychologie versteht,
wird meine Rückkehr ins Heimwehland meiner Jugend als Regression verstehen. Unbewusst glaubte ich, im Reich
meiner Kindheit werde alles wieder gut. Ich musste schnell einmal einsehen, das dem nicht so war.
Nur schon deshalb nicht, weil Hemberg, so wie ich es in meinem Innern bewahrt hatte, ebenfalls
Vergangenheit war. Und auch im Haus meiner Vorfahren wurde ich nicht mehr richtig heimisch. Ich blieb
trotzdem, mietete mir aber ein anderes Haus, um so die Vergangenheit endlich loszulassen. Schliesslich
lernte ich in Hemberg auch meine heutige Frau kennen, 1988 bauten wir uns ein eigenes Haus. Hemberg war
ein zweites Mal meine Heimat geworden. Ich habe über die Bedeutung, die das Bergdorf in meinem Leben gehabt
hat und noch hat, viel nachgedacht. Und wie alles, so hat auch diese frühkindliche Prägung zwei Seiten.
Sie ist gewissermassen Stärke und Schwäche, Reichtum und Beschränkung. Mein Leben hätte auch ganz anders
verlaufen können, zum Beispiel habe ich mich oft gefragt, warum ich nach meiner Scheidung nicht zum rastlosen,
in der Welt herumreisenden Reporter geworden bin. Eine Veranlagung dazu gäbe es. Aber die Aufgehobenheit
in einer Heimat ist offenbar wichtig für mich. Allerdings: Mit offenen Armen aufgenommen hat mich diese
Heimat nicht. Für manche Hemberger bin ich noch immer ein fremder Fötzel, weniger derb ausgedrückt,
der Zugezogene, der wesensfremde Intellektuelle. Ich habe gelernt, dass es keinen Sinn macht, sich
anbiedern zu wollen. Die Leute merken das und werden nur noch misstrauischer. Und dann ist es ja auch wahr,
ich bin anders, als viele Einheimische. Und so bin ich denn auch in meiner Heimat, meiner Seelenlandschaft,
zum Teil ein Fremder geblieben. Aber ich habe gelernt, mit diesem Widerspruch zu leben.
Meine Biografie tauchte deshalb die Einladung, im Rotary-Club Neckertal mitzumachen, in ein anderes Licht:
Ich empfand sie als Zeichen, dass ich doch als einer betrachtet wurde, der "dazugehörte", als Angebot,
mir ein Stück Heimat zu verschaffen. Umgekehrt hätte eine Ablehnung ganz klar eine Abgrenzung,
ein sich Draussenhalten bedeutet. Das aber wollte ich nicht und so kam es, dass ich mit 52 Jahren
Rotarier wurde.
Kurz darauf kam die schon erwähnte Begegnung mit meinem Nachbar und meine Rückkehr aus der Zerstreuung.
1993 wurde ich Mitglied der Humanitas in Libertate. Und nun war ich als gestandener Mann also beides:
aktiver Freimaurer und aktiver Rotarier.
Es reizt mich deshalb, meine Erfahrungen in diesen beiden Vereinigungen einmal kurz zu vergleichen.
Rotary wurde 1912 vom amerikanischen Rechtsanwalt Paul Harris zusammen mit drei Geschäftsfreunden gegründet.
Die Idee war, einen Club für Geschäftsmänner zu gründen, in dem die verschiedenen Berufs- und Geschäftszweige
eines Gemeinwesens vertreten sein sollen. Die vier taten das nicht einfach so, sondern handelten in einer
amerikanischen Tradition, die ideellen privaten Vereinigungen eine wichtige Funktion im damals nur
rudimentären sozialen Netz der USA zuwies. Es gab damals sehr viele Vereinigungen und Clubs mit ähnlicher
Zielsetzung. Drei davon haben sich über die ganze welt verbreitet: Rotary, Lions und Kiwanis.
Das Ziel von Rotary war damals und ist noch heute die
"Dienstbereitschaft im täglichen Leben. Rotary sucht diesem Ziel auf folgenden Wegen näher zu kommen:
- Durch Pflege der Freundschaft als einer Gelegenheit, sich andern nützlich zu er weisen.
- Durch Anerkennung hoher ethischer Grundsätze im Privat- und Berufsleben sowie
des Wertes jeder für die Allgemeinheit nützlichen Tätigkeit.
- Durch Förderung verantwortungsbewusster privater, geschäftlicher und öffentlicher Betätigung
aller Rotarier.
- Durch Pflege des guten Willens zur Verständigung und zum Frieden unter den
Völkern, durch eine Weltgemeinschaft von Berufsleuten, geeint im Ideal des Dienens.
Ein wichtige Rolle im rotarischen Leben spielt die Vier-Fragen-Probe. Der Rotarier sollte sich bei
allem, was er denkt, sagt oder tut folgende vier Fragen stellen:
- Ist es wahr?
- Ist es fair für alle Beteiligten?
- Wird es Freundschaft und guten Willen födern?
- Wird es dem Wohl aller Beteiligten dienen?
Rotarier verpflichten sich, jede Woche den sogenanten Club-Lunch zu besuchen. Dies muss aber nicht
beim eigenen Club, sondern kann bei irgend einem der über 25'000 Clubs irgendwo auf der Welt erfolgen.
Gefordert wird eine Präsenz von 60 Prozent pro Halbjahr. Wird diese Mindestpräsenz nicht erreicht,
erfolgt automatisch und zwingend der Ausschluss.
Rotarier versammeln sich aber nicht einfach zum Essen, sondern das Programm sieht in der Regel ein
Referat eines Mitglieds oder eines Gastrefenten vor. Darin kann man Rotary durchaus mit unseren
Konferenzen vergleichen.
Die Aktivitäten gehen jedoch weiter. Jeder Rotary-Club engagiert sich in gemeinnützigen Projekten
im In- und Ausland und bildet dazu verschiedene Spezialkommissionen. Ein beträchtlicher Teil der
Mitgliederbeiträge ist zwingend für solche Projekte zweckgebunden. Jeder Club ist auch gehalten,
sich finanziell an Projekten zu beteiligen, die von Rotary International weltweit realisiert werden,
zum Beispiel eine grossangelegte Impf-Aktion gegen Polio oder die zur Zeit laufende Aktion gegen
die Personenminen.
Nach 26 Jahren als Freimaurer und nunmehr sechsjähriger Erfahrung als Rotarier kann ich sagen,
dass diese beiden Vereinigungen, so verschieden sie sonst auch immer sein mögen, sich im Kern nicht
unähnlich sind, denn beide haben sich der Humanität und der Toleranz verschrieben. Lange wurde deshalb
behauptet, Paul Harris sei Freimaurer gewesen. In einem erst kürzlich aufgefundenen Brief hat er das
aber ausdrücklich verneint.
Ich meine auch, dass die hochmütige Herablassung, mit der viele Freimaurer den Rotariern begegnen,
keine Berechtigung hat. Im Bereich der Wohltätigkeit und des gesellschaftlichen Engagements sind sie
uns sogar ein grosses Stück voraus. Esoterik freilich wird man bei Rotary vergebens suchen. Und die
rotarische Ethik ist ganz und gar auf das Hier und Jetzt und auf praktisches Handeln ausgerichtet.
Dafür bietet mir Rotary etwas, was ich bei Freimaurerei grösstenteils vermisse: Die praktische
Humanität im Dienste bedürftiger und benachteiligter Mitmenschen.
Der Rotary Club Neckertal erhebt 500 Franken Jahresbeitrag. Davon gehen 300 Franken statutarisch
in eine spezielle Projektkasse. Dazu kommen Spenden, zum Beispiel an Geburtstagen oder bei
geschäftlichen Erfolgen. Ausserdem wird viel Arbeit in die Projekte investiert. In den sechs
Jahren seines Bestehens hat der Rotary Club Neckertal strahlengeschädigten Kindern aus dem
Grossraum Tschernobyl einen Erholungsaufenthalt finanziert, mit Geld, Rat und Tat die Sanierung
eines kroatischen Heimes für behinderte Kinder unterstützt, in Rumänien die zusammengebrochene
Heizung einer Schule saniert und die Drucklegung eines Schulbuches ermöglicht. Weil dieses letzte
Beispiel zeigt, dass es dabei nicht nur um Geld geht, soll es etwas genauer vorgestellt werden.
Rumänien, das mit grossen ökonomischen Problemen kämpft, hat zwar Sonderschulen für Schwachbegabte
eingerichtet - doch für eine Spezialausbildung der Lehrkräfte und für stufengerechte Lehrmittel fehlt
das Geld. Die rumänischen Sonderschullehrer müssen sich selbst irgendwie weiterhelfen. Rund fünfzig
von ihnen haben sich zum Beispiel in der 200 Kilometer nördlich von Bukarest gelegenen Stadt Brasov
(früher Kronstadt) zur Vereinigung Pro Educatione zusammengeschlossen, die unter anderem vom Hilfswerk
der evangelischen Kirchen der Schweiz HEKS unterstützt wird und eng mit verschiedenen schweizerischen
Institutionen der Lehreraus- und -weiterbildung zusammenarbeitet. Pro Educatione hat nun in enger
Anlehnung an Schweizer Vorbilder ein modernes Lehrmittel für den Werkstatt-Sprachunterricht zum Thema
Wasser entwickelt. Für die Drucklegung aber war in einem Staat, der seinen Lehrern nur einen Monatslohn
von 140 Franken bezahlen kann, schlicht kein Geld da. In dieser Situation sprang der Rotary-Club
Neckertal durch Vermittlung eines Mitglieds ein. Dabei war nicht nur Geld, sondern auch Handanlegen
gefragt: Ich besorgte eigenhändig die Texterfassung (was angesichts des rumänischen Zeichensatzes
nicht ganz einfach war), zwei andere die grafische Gestaltung und die Herstellung der Druckvorlagen.
1997 reisten wir nach Brasov und organisierten dort die Drucklegung. Die Auftragsvergebung vor Ort
machte nicht nur Sinn, weil die Preise in Rumänien viel tiefer sind, sie schaffte auch Arbeit in
einem Land, das unter hoher Arbeitslosigkeit leidet. Dieses Projekt entspricht nicht nur dem rotarischen
Ideal der Dienstbereitschaft, sondern darüber hinaus auch den Grundsätzen moderner Entwicklungshilfe,
die sich ja als Hilfe zur Selbsthilfe versteht. Mehr noch: Bei unserem Besuch in Rumänien empfanden
wir unseren Einsatz zunehmend nicht nur als Geben, sondern auch als Nehmen.
Freimauerei und Rotary bilden für mich eine ideale Ergänzung. In der Freimaurerei finde ich, wenn
ihr so wollt, den esoterisch-spirituellen Erkenntnisweg, bei Rotary kann ich mich aktiv im Dienste
der Menschlichkeit betätigen.
Lieber wäre mir allerdings, wenn auch die Freimauerei eine solche aktive, tätige Seite hätte, um
in unserer Sprache zu reden: Wenn zur spekulativen vermehrt die operative Mauerei käme. Ich sage
nicht, dass es sie überhaupt nicht gibt. Aber sie beschränkt sich auf das rituelle Einsammeln des
Almosens und auf die Vergabung der Erträge einiger Stiftungen - was uns ja nichts kostet. Der RC
Neckertal erhebt einen Jahresbeitrag von 500 Franken und gibt davon 3/5 für humanitäre Projekte aus.
Unser Beitrag beträgt 600 Franken - und wir geben ihn ausschliesslich für uns selbst aus.
Ich möchte aber den Begriff "operativ" noch etwas weiter fassen und ihn auch auf die geistige Ebene
ausdehnen. Dass wir unseren Jahresbeitrag ausschliesslich für uns selbst ausgeben ist symptomatisch,
denn wir beschäftigen uns ja auch fast ausschliesslich mit uns selbst oder mit verwandten Themen.
Operativ heisst für mich auch und vor allem, dass wir uns vermehrt der Welt und ihren weltlichen
Themen zuwenden, anstatt dass wir unaufhörlich damit beschäftigt sind, unser geistiges System zu
hinterfragen und zu verfeinern. Für mich genügt vollkommen, was wir im Tempel immer wieder erfahren
und erleben dürfen. Die fortgesetzte Interpretation unseres Gedankengutes im Konferenzsaal und -
verzeiht mir - die Sucht nach immer noch mehr Esoterik, finde ich überflüssig, wenn nicht kontraproduktiv
oder gar gefährlich
Ich glaube auch, dass bezüglich der berühmten politischen Abstinenz einer Loge ein fundamentales
Missverständnis vorliegt: Es ist völlig klar, dass eine Loge, die so verschiedenartige Männer vereinigt,
nicht eine politische Haltung einnehmen und verordnen kann. Das kann doch aber nicht heissen,
dass wir diese unsere Verschiedenartigkeit hier nicht einbringen, ausleben und austauschen können
und sollen - auch unsere politische Verschiedenartigkeit. Wir sollten gewiss nicht politisieren,
aber wir dürfen und müssen Standpunkte und Meinungen austauschen - das müsste doch gerade hier auf
dem Boden der Toleranz besonders gut möglich und fruchtbar sein. So aber, wie das heute bei uns läuft,
kommt mir unser Toleranzgelübde etwas schal vor, denn wir müssen gar nie den Tatbeweis erbringen. Wir
sind eifrig bemüht, alles was unterschiedliche Meinungen freilegen könnte, tunlichst zu vermeiden.
So bewegen wir uns zu oft auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner - und ich bezweifle ob das reicht, um
in Zukunft mehr zu sein, als ein Traditionsverein zur Pflege des freimaurerischen Brauchtums. Wenn in
der Alpina beklagt wird, dass die Freimaurerei im politisch-öffentlichen Raum keine Rolle mehr spiele -
hier liegt ein Hauptgrund.
Ich kann es auch noch etwas anders und pointierter ausdrücken: In diesem Raum darf zwar über den
interplanetarischen Ursprung der menschlichen Kultur und über das eherne Meer des Hiram Abiff
abenteuerlich spekuliert werden, das Projekt aber, Menschen in politisch-gesellschaftlichen
Grenzsituationen, wie zum Beispiel Martin Heidegger, Wilhelm Furtwängler, Gottfried Benn oder
Dietrich Bonhöfer zu portraitieren, wird mit dem Argument "politisch!" desavouiert und verunmöglicht.
Es kommt mir vor, wie wenn wir uns als Freimaurer ständig in die ungefährlichen Gefilde der Vergangenheit
zurückziehen würden. Denn dort ist ein ernsthafter Dissens ja nicht möglich. Indem wir das aber
fortgesetzt tun, setzen wir uns dem Vorwurf der Harmlosigkeit aus
Meine lieben Brüder, es wird heute viel über die Zukunft der Freimauerei diskutiert, allerdings
weitgehend innerhalb der Freimauerei selbst, die übrige Welt foutiert sich um uns, wir sind für
sie so verzichtbar geworden, dass sie uns schon gar nicht mehr wahrnimmt. Wenn wir das ändern wollen,
dann müssen wir versuchen, als operative Maurer in die Gegenwart zurückkehren.
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